110 Kilometer durch Korfu – mein erster Ultra-Marathon Thomas Wilde

Die griechische Insel Korfu ist der Ort einer außergewöhnlichen Laufveranstaltung, des Corfu Mountain Trail Ultra. Diese Insel bezaubert durch ihre bewaldete Berglandschaft mit Millionen von Ölbäumen und Eichen. Es gibt wunder-schöne Sandstrände, felsige Berghänge, steile Küstenabschnitte und abseits der Touristenzentren alte Bauernhäuser, Kirchen und Klöster und einsame Bergdörfer, in denen die Zeit stillgestanden zu sein scheint.
Ich habe die Insel im letzten Herbst gemeinsam mit meinen Kindern auf dem Corfu Trekking Trail entdeckt, bin dort 140 Kilometer in 7 Tagen gewandert – und habe dort die Wegweiser des Corfu Ultra Trails entdeckt. Und habe so über die Homepage der Veranstaltung von diesem Lauf erfahren, der die Insel auf einer teilweise ähnlichen Route über 110 Kilometer bergauf und bergab durchmisst.
Und dann stand ich irgendwann – um 6 Uhr morgens am 4. Mai – tatsächlich am Start dieses Laufes, der die Insel durchquert und auf 110 Kilometern und 5000 Höhenmetern alles von uns fordern wird.
Es ist Angst dabei, Vorfreude, Skepsis, aber auch das vielleicht etwas naive Vertrauen in mich, meine Motivation und Lauferfahrung, die mich verführt hat, mir diesen Wahnsinn zuzutrauen….
Es regnet am Morgen in der Dunkelheit, meine größte Angst, schon Tage vor-her beim Beobachten der schlechten Wetterprognosen, den Lauf durchnässt und kalt in Angriff nehmen zu müssen, vielleicht durchgehend durch Regen laufen zu müssen…
Am Start stehe ich mit etwa 60 Männern und einigen wenigen Frauen auf einem alten Kirchhof, die alle fokussiert und ernst den kommenden Stunden und Herausforderungen entgegenblicken. Wir werden enthusiastisch auf die ungewisse Reise geschickt, noch ist es dunkel und gleich zu Beginn stehen uns fast 1000 Höhenmeter auf den höchsten Berg, den Pantokrator, bevor.
Der Regen lässt langsam nach, es wird den Tag über nur noch wenige Regen-schauer geben, die Sonne geht bald auf und langsam taucht die Schönheit der Insel und ihrer felsigen Pfade aus der nebligen Dunkelheit auf.
Es wird für mich ein langer Tag, am Ende werde ich 17 Stunden und 40 Minuten gelaufen sein – mein erster Ultra Marathon. Ich erreiche den 14 Platz und kämpfe mich über die letzten Kilometer im Dunkeln. Ich staune, wie lange ich leicht und ohne Schmerzen laufen kann und staune ebenso, wie schwer die letzten 30 Kilometer werden.
Es ist einfach ein magischer Augenblick, als nach dem ersten Bergaufstieg die Wolken- und Nebeldecke aufreißt und die Landschaft im Morgenlicht freigegeben wird – plötzlich ein bezaubernder Blick weit hinunter über das ionische Meer und die Berghänge der Insel entlang. Wir laufen unter Ölbäumen und durch Eichenwälder, über schmale überwachsene Bergpfade, Felsstufen aufwärts und abwärts, Gipfelblicke weit über die Insel, in der Ferne die hohen Berge Albaniens, die Berge wieder hinunter durch halbverlassene steinerne Bergdörfer, wir werden wir durch eine alte Ölmühle und ein fast verlassene-nes Kloster geleitet, Verpflegungsstellen mit unglaublich freundlichen Men-schen, die uns umsorgen und den Stoffwechsel am Leben erhalten und jeden Läufer mit Herzlichkeit und Lächeln und Anerkennung auf den weiteren Weg schicken. Ich sehe heute noch das Frühlingsblumenmeer in so vielen Farben, rieche den Pinienduft, den Geruch der bemoosten Waldbäume, die salzige Meeresluft an den Sandstränden, die wir uns entlang des aufgewühlten Meeres kämpfen müssen und über riesige Granitfelsen balancieren und klettern, um von dem einen zum anderen Strand zu gelangen. Vögel singen, Raubvögel segeln weit über uns, Ziegen laufen angstvoll davon und nachts kreuzt ein Marder meinen Weg. Ich laufe immer mein eigenes Tempo, versuche mich nicht zu einer zu hohen Geschwindigkeit verführen zu lassen und begegne immer wieder Nikos, der bis Kilometer 75 ungefähr auf meinem Niveau läuft, bergab etwas schneller, bergauf etwas langsamer ist. Wir schauen uns immer wieder ermutigend und anerkennend an, begegnen uns an den Verpflegungsstellen, bis ich auf den letzten 30 Kilometern langsamer werden muss und er davonzieht. Am Ende ist Nikos 1 Stunde und 40 Minuten früher im Ziel und erreicht den 7. Platz und mich werden im Laufe des Abends und der Nacht noch 5 oder 6 weitere Läufer überholen. Eigentlich wollte ich gerne noch bei Helligkeit ins Ziel gekommen sein, aber irgendwann muss ich einsehen, dass ich es nicht geschafft habe und fingere widerwillig meine Stirnlampe aus der Rucksackweste. Meine Oberschenkelmuskulatur ist immer schmerzhafter geworden und macht das Bergablaufen fast unmöglich. Ich denke mir, rede mir ein – ich bin so weit gekommen, jetzt schaffe ich auch noch den Rest, schaue auf das Höhenprofil auf der Startnummer, konzentriere mich auf den nächsten Verpflegungspunkt und versuche mich von den Schmerzen abzulenken. Die Knie, die Achillessehnen, die Sprunggelenke bleiben schmerzfrei, nur die Füße melden mir immer deutlicher, dass die Strecke langsam zuende gehen könnte.
Und – meine Oberschenkel….
An der letzten Verpflegungsstelle schaut mir ein besorgter Mensch ins Gesicht und in die Augen, fragt mehrmals, ob ich ok bin und schickt mich auf die letzten sieben Kilometer „you finish !!!!!!“ mit so vielen Ausrufezeichen und Ermutigung wie ich es in diesem Augenblick brauche.
Und irgendwann ist es dann tatsächlich soweit und ich laufe eine steile Dorfstraße hinunter, an einer kleinen Taverne vorbei (in der ich am nächsten Tag esse) und es ist noch einen Kilometer auf ebener Straße bis ins Ziel. ich finde ein Tempo, dass halbwegs an Laufen erinnert und überquere 20 Minuten vor Mitternacht die Ziellinie. Ich werde gefeiert wie ein Held und umarmt wie ein Freund, man setzt mich auf einen Stuhl und reicht mir warme Suppe und Getränke, massiert meine gequälten Oberschenkel und gibt mir das Gefühl, et-was wirklich Großartiges geleistet zu haben.

Was bleibt? Ein unglaublich dichtes Gefühl, diese langen und steilen 110 Kilo-meter mit ihren 5000 Höhenmetern bewältigt zu haben- es ist möglich und ich habe es geschafft, die eigene Angst, die Skepsis der anderen und den Schmerz auf den letzten Kilometern überwunden zu haben. Die Bilder der Insellandschaft, das Laufgefühl über einen so langen Zeitraum (vor den letzten 30 Kilometern), die freundlichen Menschen am Wegrand, die mit ihrem Enthusiasmus und ihrem Zuspruch diese Leistungen und diese Veranstaltung erst ermöglicht haben und die Begegnung mit anderen Läufern, die einander nicht als Gegner, sondern als Freunde verstehen.
Und ich denke an den Blick über die Berge am Morgen, als der Nebel aufreißt und der Himmel ganz nahe scheint und ich einfach nur dankbar bin, hier in diesem Paradies laufen zu dürfen und von meinen Beinen getragen zu wer-den.